Ein Spaziergang durch Alt-Littenweiler

"Alte Schule", copyright: Berthold Krieger
"Alte Schule", copyright: Berthold Krieger

Ein Stadtspaziergang durch Alt-Littenweiler führt uns vor allem zum Anfang des 20. Jahrhundert. 1914 passierte eine wichtige Zäsur für den ‚willer (Weiler), der lüti gehört’: Die Eingemeindung zu Freiburg. Die Ortschaft Littenweiler wünschte es vor allem aus Strukturgründen, bessere Verkehrsanbindung an Freiburg will man. Denn viele Handwerker und Tagelöhner arbeiteten im Gewerbegebiet der Oberau. Die Straßenbahn sollte bis nach Littenweiler weitergeführt werden, was in der Tat so passierte. Und vor allem begehrte man einen neuen Schulbau. Denn der Ort wuchs und damit die Anzahl der Schüler*innen, die in Littenweiler die Schulbank drückten. Doch beginnen wir unseren Spaziergang durch Littenweiler am westlichen Ende beim Bergäcker Friedhof.


Der zweitschönste Friedhof der Stadt

In der Nähe von Schrebergärten liegt der Westeingang des ‚Bergäcker’. Links geht es zum Tierfriedhof (der einzige Tierfriedhof in Freiburg). Geradeaus führt der Weg zum alten Teil des Gottesackers, dem zweitschönsten Friedhof der Stadt, wie es heißt. Doch zuerst sieht man nur Leere. Viele Grabflächen liegen aufgrund von Urnenbestattungen brach. Der Bergäcker bietet jedoch einige Überraschungen, 2016 begann hier das Projekt ‚Friedhofhonig’. So kann man beim Stadtimker dunklen Bergäckerhonig kaufen. Seit 2018 gibt es eine gärtnerbetreute und schön gestaltete Gemeinschaftsgrabanlage (südöstliche Ecke). Baumbestattungen sind möglich, es gibt muslimische Gräber und Ewigkeitsgräber (für 40 Jahre belegt). Seit 1960 werden Bestattungen auf dem Bergäcker vorgenommen und viele prominente Freiburger haben dort ihre letzte Ruhe gefunden. Auf der Ostseite bei der Einsegnungshalle liegt auch das kleine Bergäcker-Cafe; hier kann man geruhsam seinen Kaffee oder Tee mit hausgemachtem Kuchen genießen.

 

Ein Bauernhof in der Littenweilerstraße
Weiter geht es in Richtung Alt-Littenweiler, wir biegen links in die Littenweilerstraße ein. Diese Straße gehört zur Verkehrsachse von Alt-Littenweiler. Wenige Schritte in die Littenweilerstraße hinein stößt man auf den Kunzenhof, heute Lernort Kunzenhof, früher ein reiner Bauernhof im Schwarzwaldstil, dem jedoch die Verkehrsachse Littenweilerstraße den Garaus machte. Die Straße wurde zur Einbahnstraße und die letzte Vertreterin der Familie Kunz schaffte es mit ihren Ochsengespannen nicht mehr dort zu kehren. Berta fühlte sich mittlerweile auch zu alt. Bis 1985 blieb sie alleine auf dem Kunzenhof wohnen bis Hof und Gelände an die Familie Plappert verkauft wurde. Mittlerweile wurde der Lernhof als UNESCO Dekadenprojekt für nachhaltige Bildung ausgezeichnet.

 

1760 wurden 25 Bauernhöfe und 22 Tagelöhner auf dem Gebiet ‚der von Snewling’ und auf dem Teil ‚der von Sickingen’ gezählt (die Ortschaft war aufgeteilt worden zwischen den beiden Adelsfamilien). Heute sind so gut wie alle Bauernhöfe verschwunden.
Doch warum lagen auf der Nordseite des Eichbergs Gehöfte? Das Gelände im Tal wurde gebraucht für Landwirtschaft. Zudem überschwemmte die Dreisam vor der Regulierung ständig das Tal, daher war man in der Höhe in Sicherheit. Darüber brachte der wasserreiche Eichberg Wasser, so besitzt der Kunzenhof bis heute eine eigene Quelle.

 

Die alte und die neue Schule
Laufen wir weiter zum östlichen Ende der Littenweilerstraße, wo sich das Gebäude der Alten Schule befindet: Ab 1870 war hier die zweite Littenweiler Schule. Das erste Schulgebäude befand sich in der Badstraße 8 (beim Stahlbad). Doch seit dem 19. Jahrhundert wuchs die Ortschaft und mehr Schüler brauchten mehr Platz. Das erste Schulgebäude sei zu kalt, zu schlecht zu beheizen, beschwerte sich der Schulmeister. Bei der Eingemeindung zu Freiburg hatte Littenweiler eine neue Schule gefordert. Aufgrund des Ersten Weltkrieges und der Rezession danach wurde die schräg gegenüber liegende Reinhold-Schneider-Schule erst 1925 gebaut. Ins alte Schulgebäude zog die Post ein. Mittlerweile gibt es keine eigene Post mehr in Littenweiler, nur noch eine Postfiliale im Reformhaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen viele Vertriebene nach Littenweiler (davon zeugen Schlesier-, Pommern-, Sudeten- und weitere Straßennamen). Die neue Schule auf kirchlichem Gelände muss ständig erweitert werden, immer mehr Kinder strömen in die Schule.

 

Altes Bürgermeisteramt, Dorfplatz und Stahlbad

Zwischen dem Gasthaus ‚Ouzeria’ (der früheren ‚Sonne’) in der Lindenmattenstraße und der Schule liegt das alte Bürgermeisteramt (heute Wohnungen). Bei der Eingemeindung 1914 gab Littenweilers letzter Bürgermeister sein Amt auf. Am Alten Bürgermeisteramt weist eine Gedenktafel auf die frühere Funktion hin. Nun sind wir bereits am Dorfplatz, wo samstags ein Wochenmarkt stattfindet. Sehen wir den Berg hinauf zur Sonnenbergstraße sieht man dort das Stahlbad (momentan Bauarbeiten zur Neugestaltung). Seit 1896 befand sich dort ein Mineralbad, doch im 1. Weltkrieg wurde daraus ein Lazarett, was den Niedergang des Bades verursachte. Daher wurde es an einen katholischen Orden verkauft, zum Altenheim umfunktioniert und später zum Pflegeheim.


Unterhalb des Stahlbades geht die Eichbergstraße ab. Im früheren Eichbergpensionat für ‚Höhere Töchter’ wurde dort auch Frieda von Richthofen unterrichtet, eine Verwandte des Roten Barons, Manfred von Richthofen. Vermutlich war die junge Dame Vorlage für das berühmte Buch ‚Lady Chatterley’s lover’, sie war (in zweiter Ehe) mit dem Autor H. D. Lawrence verheiratet.

 

Bildungshaus Waldhof
Die Straße weiter hoch kommen wir zum Waldhof und am Ende der Straße zum früheren Waldheiligtum St. Barbara, heute ein Ausflugslokal, bekannt für seine Schwarzwald Tapas. Der Waldhof ist seit 1950 ein Bildungsheim. Ehemals errichtet als Altersruhesitz des Berliner Fabrikanten Rudolf Henneberg und seiner Gattin Johanna (von Böckh). Daher findet man am Giebel des Hauses ein Wappen – eine Henne auf dem Berg und ein springendes Böcklein. Die Villa, einst mit einem herrlichen Garten, einer mächtigen Toreinfahrt und einem Pförtnerhäuschen auf der gegenüberliegenden Straße, wechselte oft den Besitzer bis sie, vernachlässigt, an Dr. Joseph Epp kam, der später im Kultusministerium von Baden-Württemberg saß und sehr an Bildung interessiert war.

 

Kapelle und Kirche St. Barbara
Zurück am Dorfplatz steht dort die alte Kapelle St. Barbara (vom Waldheiligtum), die oben am Berg abgetragen und unten im Ort wieder aufgebaut wurde als erste Kirche von Littenweiler. Inzwischen wurde die Kirche säkularisiert und dient als Gemeindehalle. Die alte Kirche war zu klein geworden und 1976 wurde eine neue Kirche gebaut. Die neue Kirche St. Barbara steht wenige Schritte weiter nördlich. Interessant an der neuen Kirche ist der im Campanile Stil errichtete freistehende Turm, mit einem wettergeschützten Durchgang zum Kirchbau. In einem kleinen Park vor der Kirche steht das Friedenskreuz von 1974.

 

Pädagogische Hochschule
Weiter Richtung Norden verlaufen die Bahngleise der modernisierten Höllentalbahn. Überquert man die Gleise geht es rechts ab zum Alt-Littenweiler Friedhof, der auch heute noch ein aktiver ist. Entlang der Bahngleise bis zum denkmalgeschützten Bahnhof Littenweiler (von 1910/11) befinden sich die ältesten Teile der PH, Pädagogische Hochschule, von 1956 - 59. Die Lindenmattenstraße trennt die unterschiedlichen Fakultäten der PH. Aufgrund der Beliebtheit der PH Freiburg mussten zunehmend neue Gebäude für die Studierenden in Betonbauweise (Typenhausstil) errichtet werden. Unterhalb der PH beenden wir unseren Littenweiler Spaziergang und haben somit in kurzer Zeit den alten Ortskern von Littenweiler umrundet.
Gerlinde Kurzbach, Autorin von "Freiburg zu Fuß", erschienen im Lavori-Verlag, Freiburg